Angemessenheit von Empörung

Eine der größten strukturellen Fehlleistungen des Feminismus ist m. E. die Unfähigkeit, eine der Situation angemessene Form der Empörung zu finden. Einerseits kommt es immer wieder zu exorbitanten Überdramatisierungen kleinster Petitessen, andererseits werden schwerste Verbrechen verharmlost und relativiert.

Die sich daraus ergebende Unberechenbarkeit feministischer Agitation ist deshalb so fatal, weil sie einerseits bei frauenfreundlichen Männern ein Klima der Angst erzeugt – viele trauen sich nicht mehr, überhaupt irgendwas zu sagen -, und andererseits, weil sie Frauenhassern, Sexisten und Vergewaltigern eine relative Unbedenklichkeit ihres Verhaltens suggeriert, denn angeblich sind ja deren Taten Teil des Alltags aller Frauen.

Was ist Angemessenheit?
Empörung sollte sich m. E. nach der schwere der Tat, Anzahl und Organisiertheit der Täter, Angemessenheit der Reaktionen von Polizei, Justiz, Politik und Medien richten. Ferner spielen die Faktoren Erwartbarkeit und Vermeidbarkeit der Vorfälle eine Rolle. Wer in den Boxring steigt, braucht sich nicht beschweren, wenn er geschlagen wird. Wer in den Kreißsaal kommt, und dort zusammengeschlagen wird, hat alles Recht, sich zu empören. Geschlecht, Herkunft, Religion, etc. sollten beim Grad der Empörung selbstverständlich keine Rolle spielen.

In den Medien gibt es leider eine breite Front gegen angemessene Berichterstattung über sexuelle Gewalt. Beispielsweise schreibt Sascha Lobo zu den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof:

Wenn jetzt exakt diejenigen, die sonst ganzjährig fordern, Frauen sollten gefälligst die Bluse zumachen, auf Frauenrechte pochen – dann ist das instrumenteller Rassismus.

Die Nazi-Keule ist natürlich immer eine super Idee, wenn einem die Argumente fehlen. Abgesehen davon: Was Herr Lobo hier als Scheinheiligkeit anprangert, wird von mir als Angemessenheit befürwortet. Es ist angemessen, wenn wir einen Blick in den Ausschnitt nicht zum Gewaltverbrechen hochstilisieren. Und es ist angemessen, wenn wir Gewaltverbechen nicht als harmlose Grabschereien abtun.

Was ist harmlos?
Wer zu einer Tanzveranstaltung, bei der traditionell Unmengen von Alkohol konsumiert werden geht, muss damit rechnen, an Armen, Hüfte und vielleicht sogar am Gesäß berührt zu werden. Das mag im Einzelfall nicht immer angenehm sein, ist aber Teil des Deals, den man beim Betreten der Lokalität eingeht. Wer das nicht will, kann ja statt des Oktoberfests eine Lesung klassischer Literatur besuchen. Oder dem Betreffenden mitteilen, dass er seine Finger gefälligst bei sich lassen möge. Wer sich aufreizend anzieht, muss damit rechnen, Blicke und Kommentare auf sich zu ziehen. Keine Hände, aber Blicke und Kommentare. Wer das nicht will, kann ja gerne die Bluse zumachen. Wer mit Menschen kommuniziert, muss damit rechnen, hin und wieder mal ein Kompliment zu erhalten – insbesondere dann, wenn dies im privaten Rahmen, z.B. an einer Bar geschieht. Wer das nicht aushält, sollte seinen Wohnsitz in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie verlegen. Und nicht wieder unter Menschen gehen, so lange das nicht vollständig austherapiert ist.

Was ist schwerwiegend?
Wer ein Festzelt besucht, hat ein Recht darauf, beim Verlassen des Zeltes nicht vom Türsteher begrapscht zu werden. Wer einen Beruf ausübt, hat ein Recht darauf, von seinem Vorgesetzten nicht belästigt zu werden. Wer mit Bus oder Bahn den Heimweg von einer Party antritt, hat ein Anrecht darauf, dabei nicht gewaltsam gefingert zu werden. All diesen Beispielen gemeinsam ist, dass man sich der Situation nicht ohne Weiteres entziehen kann. Weiter verschärft wird die Lage, wenn die Täter in deutlicher Überzahl sind. Wenn sie sich gewaltsam Zugang zu ihrem Opfer verschaffen. Es gewaltsam von seinen Begleitpersonen trennen. Wenn die Polizei dem zusieht, aber nicht eingreift – sei es weil sie nicht will oder weil sie aufgrund der Übermacht der Täter nicht kann. Wenn die Presse die Taten erst verschweigt und dann klein redet. So etwas hinterlässt ein Gefühl von Hilflosigkeit und des ausgeliefert seins und kann zu schwerer Traumatisierung der Opfer führen.

Beispiele für Dramatisierung
Das prominenteste Beispiel hierfür ist die #Aufschrei-Debatte, bei der ein harmloses Kompliment zu einer noch nie dagewesenen Empörungswelle geführt hat. Aber auch sonst beschäftigen Feministinnen sich vor allem mit dem Aufblasen von Nichtigkeiten, beispielsweise: Manspreding, Shirtgate, Hollaback-Video, Beach-Body-Ready, Rape Culture, …

Hier ein Video-Beispiel für Dramatisierung:

Und hier ein Beispiel für angemessene Bewertung der thematisierten Vorfälle.

Beispiele für Verharmlosung

Jedes Oktoberfest ist genauso schlimm wie die Silvesternacht von Köln.

Anne Wizorek
Margarete Stokowski
Claudia Roth
(Zitat sinngemäß, nicht wörtlich)

Das ist bekanntlich falsch. Und selbst wenn es nicht falsch wäre, wäre es immer noch Derailing, worauf Feministinnen in anderen Kontexten stets hypersensibel reagieren. (Nebenbei bemerkt taugt das Argument auch nicht dazu, Rassismus mit Gegenrassismus zu bekämpfen. Denn „offenbar glauben gerade ausländische Gäste, dass sie sich auf dem Oktoberfest alles erlauben können und wähnen sich im rechtsfreien Raum.“ und „Es gab 2016 nach bisherigem Stand der Ermittlungen bei einem 17 Tage dauernden Fest mit 5,6 Millionen Besuchern 1 einzigen festgenommenen deutschen, heterosexuellen, mutmasslich weissen Sexualstraftäter. Die grosse Mehrheit der Ermittelten stammt nicht aus Deutschland. In der einzigen Nacht auf der Domplatte liegen bei einer vierstelligen Menschenmenge mit überwiegend Migrationshintergrund 430 Anzeigen wegen Sexualstraftaten vor.“)

Wer den Einsatzbericht der Polizei liest, wird unschwer feststellen, dass es da um mehr als ein paar Grapscher ging.

Die Welt wird nicht untergehen.* Schuldzuweisungen sind vertane Energie.

Sibylle Berg

Aber nicht doch! Schuldzuweisungen an Vergewaltiger wären ja das Allerletzte!

Und Cem Özdemir nannte das, was sich in jener Nacht abgespielt hatte grässlich. So, als seien in Köln Frauen verspeist, nicht beraubt und bedrängt worden.

Jakob Augstein

Nur weil die vergewaltigten Frauen nicht auch noch aufgefressen wurden, soll das alles nicht so schlimm sein? Geht’s noch?? Und was wäre denn wohl, wenn es tatsächlich in der Kölner Gewaltnacht zu Kannibalismus gekommen wäre? Würde Augstein dann das Leid der Opfer anerkennen? Ich glaube nicht. Eher würde er ihnen zurufen: „Stellt euch nicht so an. Die Knochen haben sie doch noch übrig gelassen.“

Um Missverständnisse zu vermeiden
Mir geht es hier nicht um Politik. Das Recht auf Asyl gilt selbstverständlich auch nach den Verbrechen von Köln uneingeschränkt weiter. Auch halte ich eine Verschärfung des Sexualstrafrechts für nicht notwendig. Nichts liegt mir ferner, als Menschen, die das gleiche Geschlecht, die gleiche Religion oder die gleiche Herkunft wie die Täter vom Kölner Hauptbahnhof haben, in Kollektivhaftung zu nehmen. Ich möchte nur auf eine Diskrepanz zwischen Schwere der Tat und Ausmaß der medialen Empörung hinweisen.

Bei aller Kritik an Verharmlosung soll auch nicht verschwiegen werden, dass es Medien gibt, die die Ereignisse von Köln dramatisieren, z.B. indem sie sie mit den Terroranschlägen von Paris gleichsetzen. Das ist genauso großer Schwachsinn wie die oben genannten Verharmlosungen. Paris war ja wohl doch eine ganz andere Hausnummer als Köln. Man wird den Opfern beider Verbrechen nicht gerecht, wenn man hier Parallelen zieht.

 

* Das Argument passt, insofern es um das allgemeine Grundrauschen an Gewalt geht. Traurig, aber wahr. Die Welt wird, solange sie von Menschen bewohnt wird, niemals frei von Raub, Mord, Belästigungen und Vergewaltigungen sein. Wenn es allerdings zu einem Ausbruch von Gewalt kommt, der deutlich über das sonst übliche Maß hinaus geht, ist es schon sinnvoll, das zu thematisieren und sich ein paar Gedanken darüber zu machen, ob man so was in Zukunft vielleicht verhindern könnte.


Weblinks:

pro Angemessenheit:
Dann mach doch die Bluse zu!, Birgit Kelle, The European
Die feministische Selbstdemontage, Meike Lobo, Die Zeit     [Diskussion in der Manosphäre: 1, 2, 3, 4, 5]
„Wo bleibt der Empörungselan, wenn es um Kinderehen geht?“, Welt

contra Angemessenheit:
Nichtig? Wichtig!, Margarete Stokowski, Spiegel Online
Feminist: Being catcalled is the same as being stoned to death, Youtube

Was ist zum Jahreswechsel in Köln passiert?
Sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16, Wikipedia
Übergriffe in Köln: Zahl der Anzeigen steigt auf mehr als 650, Spiegel Online
Zweite Anzeige wegen Vergewaltigung nach Übergriffen an Silvester, Focus
„Die Polizei hat von Weitem zugeschaut…“, EMMA
„Sie waren wie eine Armee“ – Wie ein Türsteher die Horrornacht von Köln erlebte , T-Online
Kölner Polizei befürchtete sogar Tote in der Silvesternacht, Der Westen
Betroffene berichtet: „Ich habe die ganze Zeit nur geschrien“, Focus

Wie reagiert die Bevölkerung?
Grafik des Tages – Plötzlich wird nach „Pfefferspray“ gegoogelt, FAZ
Reaktion auf Silvesternacht: Antragsflut zum Kleinen Waffenschein in Köln, Spiegel Online

zum Thema Medienversagen:
Nach sexuellen Übergriffen in Köln: Medienversagen gefährdet den sozialen Frieden, The Huffington Post
Wir müssen mal reden, Spiegel Online
Wer zur Gewalt in Köln nicht gefragt ist, FAZ
Lügenzahl vom Oktoberfest, FAZ
Phoenix zur Gewalt in Köln – Nichts ist gutgegangen, FAZ
Berichterstattung zu Kölner Übergriffen: ZDF räumt „klare Fehleinschätzung“ ein, Spiegel Online
Köln: CSU sieht Erklärungsbedarf beim ZDF, Telepolis
Boris Palmer zu den Köln-Übergriffen – „Schweigen ist Gift für den Diskurs“, Cicero
Politiker schwiegen über Gewalt durch Nordafrikaner, Die Welt
Sie wollten das Volk nicht beunruhigen: Politiker haben Straftaten durch Nordafrikaner verschwiegen, The Huffington Post
„Wir haben doch alle die Tatsachen verschwiegen“, Rheinische Post
Kölner Silvester-Mob: Warum sollte Vergewaltigung verschwiegen werden?, Express

zum Thema Sexualstrafrecht:
Sexualstrafrecht, Wikipedia
Sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum – Rechtslage und Reformbedarf in Deutschland, Verfassungsblog
„Wir haben ein strenges Sexualstrafrecht“, Die Zeit
Sexmobs und Sexismus – Deutschland dreht durch!, Dr. Alexander Stevens, Cuncti
Sexualstrafrecht: Unschuldsvermutung wird zu Schuldzuweisung, Aranitas Gedanken

Blogs:
Zu den sexuellen Belästigungen am Kölner Bahnhof, Alles Evolution
#ausnahmslos, Alles Evolution
Das Polizei-Protokoll von Köln. Die Chronologie, Wahre Männer
„El-Taharrush“: Wer und was wirklich hinter dem „Silvester-Sex-Mob“ steckt, Wahre Männer
(Sexuelle) Gewalt verharmlosen – eine Anleitung in 5 Schritten, gleichheitunddifferenz
Wie Anne Wizorek sexuelle Gewalt verharmlost, man tau
Rant: Wie die Nicht-Berichterstattung über Übergriffe Frauen zum Schweigen bringt / Verharmlosung a la Anke Domscheit-Berg / Warum wird #ausnahmslos so hart getrollt?, asemann
Der cis-heteronormative weiße Mann, der grundsätzlich immer schuld ist, und die Realität, Drachenrose
Die besten feministischen Reaktionen zu Köln-Sylvester, uepsilonniks
Männer – potenzielle Vergewaltiger? / Der hat seinen Pipimatz gezeigt / Nur Erniedrigung von Frauen?, emannzer
02.05.2016 / 02.01.2017, fefe
Presseschau vom 12. Januar 2016 zur aktuellen feministischen Propaganda, Genderama
Vermischtes vom 5./6./7./8./9./12./13. (1)/13 (2)./15. Januar 2016, Genderama
Kurznachrichten vom 09./10./11./12./13./14./16./18./19.01.2015, Geschlechterallerlei
Fundstücke: Artikelsammlung zur Silvesternacht 2015, Geschlechterallerlei

Die Folgen der falschen Toleranz, Alice Schwarzer
Die Übergriffe von Köln und die Scheinheiligkeit der neuen “Frauenrechtler”, Gedankensalat…
Die Welt war noch nie ein Paradies!, Nur Miria
Plötzlich. / Handlungsanweisungen. / Darum geht’s jetzt. / Männer sind …, erzaehlmirnix

Videos:
Aftermath of the #Cologne New Years Eve Attacks, Sargon of Akkad
Heute Show vom 22.01.2016, Fernsehkunst

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3 Kommentare zu “Angemessenheit von Empörung

  1. Pingback: Nur Erniedrigung von Frauen? | emannzer

  2. Danke für deine ausführliche Zusammenstellung und Darstellung dessen, was hier in Deutschland als ‚angemessen‘ betrachtet wird.

    Gern habe ich deinen Blog, den ich bis vor kurzem noch nicht kannte, in die Link-Übersicht eingestellt und wünsche dir rege Zugriffe.

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