Eine Weihnachtsgeschichte für ABs

Weihnachtsmann im Rentierschlitten

Es war einmal ein kleiner Junge, für den war Weihnachten das größte. Er glaubte fest an den Weihnachtsmann, denn die Erwachsenen hatten ihm einstimmig bestätigt, dass es ihn wirklich gibt. Sie schienen sich ihrer Sache so sicher zu sein, dass er nie auf die Idee kam, an der Richtigkeit deren Aussage zu zweifeln. Außerdem war diese Geschichte so schön, dass er sie einfach glauben wollte. Wie dunkel wäre denn die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe? Doch eines Tages kamen böse Buben, die ihm erzählten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gebe und dass seine Eltern die Geschenke heimlich unter den Baum legten. Der Junge wollte ihnen nicht glauben, denn sie zerstörten seinen größten Traum. Doch die Buben legten Argumente vor, die plausibel klangen, ja, die Existenz eines Weihnachtsmanns sogar wissenschaftlich unmöglich machten. Dies stürzte den Jungen in eine tiefe Verzweiflung und ihm wurde gewahr, dass die Erwachsenen ihn getäuscht hatten. Er wurde wütend auf die Menschen, die ihn so lange belogen hatten. Und er begann selbst, anderen Kindern die Augen zu öffnen.

Als der Junge heranwuchs, kam die Zeit, da er sich in ein Mädchen verliebte. Für ihn war dieses Mädchen das größte, doch das Mädchen liebte einen anderen Jungen. Nicht irgend einen Jungen, sondern den Jungen, der „unseren Jungen“ täglich verprügelte. Irgendwann sah unser Junge, dass diese Liebe keine Chance hatte. Schweren Herzens gab er sie auf. Jahre gingen ins Land und der Junge verliebte sich erneut. Und wieder ereignete sich die gleiche Geschichte. Der Junge wurde wütend und traurig, und er fragte: Was kann ich tun, damit auch ich einmal geliebt werde? Und die Menschen antworteten ihm: Sei ganz beruhigt, eines Tages wird die Liebe auch dich finden. Für jeden Topf gibt es einen Deckel. Sei einfach du selbst. Vermeide, gezielt nach einer Frau zu suchen. Bleib, wie du bist. Tu, was dir Spaß macht. Liebe entsteht, wenn zwei Menschen, die für einander geschaffen wurden, aufeinander treffen. Wenn du die Richtige findest, kannst du gar nichts falsch machen. Ihr werdet wie von selbst zu einem Paar. Und der Junge glaubte ihre Geschichte, den die Menschen, die sie ihm erzählten, waren vertrauenerweckend, gesellschaftlich geachtet und selbst in festen Beziehungen. Außerdem war die Geschichte so schön, dass er sie einfach glauben wollte. Wie dunkel wäre denn die Welt, wenn die Liebe nicht einfach so – bedingungslos – entstünde, sondern durch fragwürdige Verführungstechniken erzeugt werden müsste! Doch so sehr er es sich auch wünschte – die Liebe fand er auf diese Weise nicht. Immer wieder fragte er nach, und immer wieder wurde er vertröstet: Wenn du an der Uni studierst, wenn du einen Beruf hast, wenn du ein eigenes Auto fährst, … wirst du leicht eine Freundin finden. Sei unbesorgt, auch für dich wurde eine passende Frau geschaffen. Eines Tages stieß er in den dunklen Ecken des Internets auf Berichte von Männern, die ähnliches erlebt hatten, und ganz andere Empfehlungen gaben. Es waren (scheinbar) böse Männer, die (scheinbar) den Sexismus verherrlichten. Viele von ihnen suchten gar nicht nach einer festen Freundin, wollten keine Familie gründen, sondern brüsteten sich mit SNLs und MLTRs. Angewidert wandte er sich von deren menschenverachtenden Praktiken ab. Doch gelegentlich überwand er seinen Ekel und las, was sie zu berichten hatten. Teilweise klangen ihre Aussagen plausibel, teilweise waren sie sogar wissenschaftlich belegt. Dies stürzte unseren Protagonisten in eine tiefe Verzweiflung, denn ihm wurde gewahr, dass die Gesellschaft ihn getäuscht hatte und er die besten Jahre seines Lebens unnötig in Einsamkeit verbracht hatte. Wut und Zorn erfassten den Mann, und er begann damit, die fragwürdigen Methoden selbst zu testen. Dies war keine einfache Aufgabe, denn seine unvorteilhaften Verhaltensmuster hatten sich über die Jahre zu tief in seinem Wesen verankert, als dass man sie einfach mit einem Handstreich wegwischen könnte. Doch es kam der Tag, an dem die beharrliche Arbeit sich bezahlt machte. Begeistert von der Wirksamkeit der Methoden begann er nun selbst, anderen Männern die Augen zu öffnen.

Erwachsen werden ist nicht schön. Es bedeutet, lieb gewonnene Märchen aufzugeben und eine unbequeme Realität zu akzeptieren. Menschen in Frage zu stellen, denen wir immer geglaubt haben. Überzeugungen zu verwerfen, die dem Leben Halt gegeben haben. Und trotzdem nicht zu verzweifeln, sondern die Schwierigkeiten beherzt und zuversichtlich anzugehen. Es ist ein Weg hin zu mehr Unabhängigkeit, Rationalität und Verantwortung, der oft von Rebellion, Wut und Zorn begleitet wird. Erwachsen werden ist alternativlos. Unsere Welt funktioniert nicht, wenn wir die Augen vor einer unschönen Realität verschließen, und uns auf das Schreiben von Wunschzetteln beschränken. Erwachsen werden ist ein lebenslanger Prozess. Er endet nicht, wenn wir aufhören, an den Weihnachtsmann zu glauben, nicht, wenn wir die Mechanismen der sexuellen Anziehung verstehen und nicht wenn wir ein bestimmtes Alter erreicht haben. Mögen wir alle die Kraft finden, auf diesem Weg beständig voranzuschreiten!

Um Missverständnisse zu vermeiden:
Ich will aus dir keinen misstrauischen, paranoiden Verschwörungstheoretiker machen. Der Knackpunkt dabei ist folgender: Der Paranoide fürchtet sich vor bösartigen, konspirativen Lügen. Die meisten Menschen lügen jedoch nicht, um Schaden zuzufügen, sondern um niemanden zu verletzen. Sie sind wie die Eltern, die ihrem Kind vom Weihnachtsmann erzählen. Diese gut gemeinten Lügen verhindern jedoch, dass du die nötigen Schritte unternimmst, um dich aus deinem AB-tum herauszuarbeiten. Und die Erkenntnis, dass du etwas tun musst, was die meisten Menschen nicht gut heißen würden, ist einer der ersten großen Schritte auf dem Weg zur Besserung. Nicht umsonst hat Château Heartiste das Motto „where pretty lies perish“, nicht umsonst ist die Pillenallegorie so beliebt in der Manosphäre.


Literatur:
The Catcher in the Rye, J. D. Salinger
Frauen wollen erwachsene Männer, Roland Kopp-Wichmann

Weblinks:
„Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann“, Die Welt
Es gibt gar keinen Weihnachtsmann!, TU Freiburg
Jahrzehntealte Lüge offenbart: Es gibt keinen Weihnachtsmann!, Wahrheiten.org
Ist das Christkind eine Lüge?, Süddeutsche Zeitung
Kinder-Glaube: Die schöne Lüge vom Weihnachtsmann, MOPO
Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?, familie.de

Erwachsen werden, wikiHow
Volljährig, aber unreif, Süddeutsche Zeitung

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