Welchen Tod sollen wir fürchten?

Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik. – Joseph Stalin (zugeschrieben)

Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt. – Talmud

Die Wissenschaft kann uns immer bessere Statistiken zu Covid-19 liefern. Was sie prinzipiell nicht kann, ist uns zu sagen, wie schlimm wir diese Krankheit finden sollen. Deshalb wird es dazu wohl auf absehbare Zeit keinen gesellschaftlichen Konsens geben.

Es gibt Krankheiten wie z.B. Ebola, die aufgrund einer hohen Letalität sofort klar ist, dass man sie mit allen verfügbaren Mitteln bekämpfen muss. Es gibt Krankheiten wie z.B. die Grippe, bei denen wir akzeptiert haben, dass jedes Jahr ein paar Alte und Kranke daran sterben, und wir deshalb nicht gleich alle in Quarantäne gehen. Die Corona-Pandemie hingegen bewegt sich wie wohl kaum eine andere Epidemie vor ihr in einem Graubereich, in dem es dem Menschen schwer fällt, sie einer der beiden Kategorien zuzuordnen.

Gehen wir die Frage einmal etwas grundsätzlicher an und betrachten verschiedene Todesfallzahlen in Deutschland und der Welt:

Deutschland
Ebola: 0
Rechtsextreme Gewalt (1990-2018): 3
Terrorismus (13-17): 7
Blitzschlag: 8
Tuberkulose (15): 100
Partnerschaftsgewalt (18): 100
AIDS (17): 300
Grippe (19/20): 400
Morde (17): 400
Klimawandel (00-19): 1.000 (?)
Asbest (17): 1.600
Verkehrsunfälle (15): 4.000
SARS-CoV-2 (bis 15.04.20): 7.000
Suizid (17): 9.200
Krebs (17): 230.000
Herz-Kreislauf-Erkrankungen (17): 340.000
Gesamt (17): 930.000

Weltweit
vom Baum fallende Kokosnüsse (00-19): 0.5
Raumfahrt (00-19): 2
Flugzeugabstürze (19): 600
SARS-CoV-1 (03): 800
Flucht über das Mittelmeer (18): 2.000
9/11 (01): 3.000
Ebola (13-16): 7.000
Terrorismus (17): 26.000
Syrien-Krieg (11-20): 65.000
Tsunami (04): 230.000
SARS-CoV-2 (bis 06.05.20): 260.000
Mord (17): 400.000
Suizid (17): 800.000
AIDS (17): 1.000.000
Tuberkulose (17): 1.200.000
Verkehrsunfälle (17): 1.200.000
Erster Weltkrieg (1914-18): 4.000.000
Hunger (07): 9.000.000
Krebs (17): 10.000.000
Zweiter Weltkrieg (1939-45): 14.000.000
Herz-Kreislauf-Erkrankungen (17): 18.000.000
Gesamt (17): 56.000.000

Jahreszahlen in Klammern. Bei mehreren Jahren Durchschnittswert. Alle Werte großzügig gerundet.*

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich möchte hiermit nicht beweisen, dass unsere Intuition falsch läge und wir unsere Risikobewertung anhand der obigen Rangfolge vornehmen sollten. Mir geht es vielmehr darum, zu zeigen, dass die Anzahl der bisher gestorbenen kein sinnvolles Risikomaß ist! Es wäre absurd, zu behaupten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien schlimmer als der Zweite Weltkrieg oder Corona schlimmer als der syrische Bürgerkrieg. Wir müssten uns vor Blitzschag mehr fürchten als vor rechter Gewalt. Der Flug zum Mond sei sicherer als die Fahrt zum Bäcker um die Ecke.

Todesstatistiken werden oft benutzt, um Gefahren zu verharmlosen. Manchmal werden sogar – auch in vermeintlich seriösen Medien – zur Verharmlosung urbane Legenden verbreitet: Z.B. die Fischgrätenlüge zur Verharmlosung des Terrorismus oder die Kokosnusslüge zur Verharmlosung der Gefahr durch Haie.

Manche Vergleiche finde ich trotz aller Probleme der Vergleichbarkeit ganz interessant. Z.B. dass wir in Deutschland bereits jetzt mehr Corona-Tote als Straßenverkehrstote im ganzen Jahr haben. Man stelle sich vor, man würde das als Argument für eine „Lockerung“ oder ersatzlose Abschaffung der Straßenverkehrsordnung verwenden
.

Was sind jetzt also die Gründe dafür, dass manche Gefahren trotz weniger Toten schlimmer erscheinen als andere mit mehr Toten?

  • Die Statistik schaut nur in die Vergangenheit. Bei Risiken, die man schlecht kennt und/oder die ein großes Wachstumspotential haben ist das ein ganz schlechter Indikator für die Zukunft.

    Insbesondere werden dabei keine Kippelemente („Tipping Points“) berücksichtigt, bei denen ein leichter Risikoanstieg schnell und unumkehrbar zu einer Katastrophe führt. Beispiele für solche Kippelemente sind die schmelzenden Polkappen, die einen katastrophalen Klimawandel zünden oder den Übergang einer Infektionskrankheit mit nachvollziehbaren Infektionsketten in die unkontrollierte Ausbreitung.
  • Der Grad des Verschuldens durch Dritte bleibt unberücksichtigt. Bei nicht ansteckenden Krankheiten wie z.B. Krebs ist es am schwierigsten, einen schuldigen auszumachen. Deshalb sind sie am wenigsten schlimm. Dann kommen Naturkatastrophen wie z.B. Erdbeben, wo man immerhin den Bauherren oder der Regierung eine Teilschuld zusprechen kann. Dann kommen fahrlässige Tötung, Totschlag, Mord und Terrorismus. Und am schlimmsten ist rassistischer Terrorismus.

    In viele Fällen ist die Schuldfrage strittig, und damit auch die Entscheidung als wie schlimm ein Todesfall zu betrachten ist. Z.B.: Ist ein gestorbener Alkoholiker selbst schuld, weil er sich in den Tod gesoffen hat? Oder ist er Opfer einer tödlichen Krankheit? Sind AIDS-Tote selbst schuld, wenn sie sich beim ungeschützten Sex angesteckt haben? Sind Grippe-Tote selbst schuld, wenn sie sich nicht impfen lassen haben? Sind Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken selbst schuld, wenn sie sich in ein nicht seetüchtiges Boot begeben haben?

    Letztlich ist es für die Risikobewertung eigentlich egal, ob es einen Schuldigen gibt oder es ein rein zufälliges Ereignis war. Tot ist tot. Aber sobald es einen Faktor gibt, den man selbst in der Hand hat, sieht die Sache ganz anders aus. Für einen Nichtraucher, der sich um den zunehmenden Terrorismus sorgt, ist es gewiss ein schwacher Trost, dass das Raucher-Risiko viel größer als das Terror-Risiko ist.

  • Der Verlust an Lebenserwartung wurde nicht berücksichtigt. Es macht einen Unterschied, ob ein Kind, das sein Leben noch vor sich hat, völlig unerwartet stirbt, oder ob ein alter, kranker Mensch durch eine Infektion eine Woche früher stirbt, als es ohne diesen Infekt der Fall gewesen wäre. Dem wird mit dem Maß „years of potential life lost“ (YPLL) Rechnung getragen.
  • Der Verlust an Lebensqualität durch Krankheit und Behinderung wurde nicht berücksichtigt. Viele der genannten Risiken töten ja nicht nur, sondern lassen zusätzlich noch eine unterschiedlich große Zahl an Kranken, Behinderten oder Schwerverletzten zurück. Dem wird mit dem Maß „disability-adjusted life years“ (DALY) Rechnung getragen.

Auch das mediale Interesse ist bei den verschiedenen Todesfallklassen sehr unterschiedlich. Dazu erst mal etwas Grundsätzliches:

Der primäre Sinn von Nachrichten ist es nicht, den kürzlich Verstorbenen zu huldigen, sondern vielmehr die Ursache-Wirkung-Beziehungen aktueller Ereignisse zu durchleuchten. Deshalb ist ein Bericht über den Täter einer Gewalttat auch viel interessanter als einer über die Opfer. Der Täter ist nun mal die Ursache der Tat, und die Opfer sind oft nur zufällig ausgewählt und bringen somit keinerlei Erkenntnisgewinn. Und wenn man prinzipiell allen Verstorbenen das gleiche mediale Interesse zukommen lassen wollte, müsste man z.B. im Fernsehen rund um die Uhr nur die Namen der Toten vorlesen und auf alle weiteren Meldungen verzichten. Wenn man diese Absurdität nicht will, muss man irgendwie gewichten und die Mehrheit der Todesfälle unter den Tisch fallen lassen.

  • Nachrichten sind um so interessanter, je mehr man daraus Rückschlüsse auf Gefahren für das eigene Leben ziehen kann. Deshalb interessieren sich Menschen eher für Tote, bei denen sie denken „das könnte ich gewesen sein“. Das gesunkene Flüchtlingsboot, die Hungersnot in Afrika und die Sprengfalle in Kabul fallen nicht in diese Kategorie. Es ist ein bisschen so wie beim Wetterbericht: Da interessiert man sich ja auch nur für das Wetter das einen selbst betrifft, und nicht für die Vorhersage an allen Orten der Welt gleichermaßen.
  • Ein relativ gleichmäßiges Todesfallaufkommen wie z.B. bei Autounfällen hat keinen Nachrichtencharakter und wird medial eher vernachlässigt. Bei Flugzeugabstürzen, bei denen die Todesfälle gebündelt auftreten, sieht die Sache ganz anders aus.
  • Eine Geschichte mit offenem Ausgang (z.B. Menschen, die in einer Höhle eingeschlossen sind und niemand weiß, ob man sie befreien kann) fesselt ganz anders als die Information, dass vor einiger Zeit jemand gestorben ist und das aber erst jetzt bekannt wurde.
  • Prominente Todesfälle sind interessanter als nicht-prominente. Frauen und Kinder sind interessanter als erwachsene Männer. Ein Extremfall dieses Effekts war die vollkommen übertriebene Berichterstattung zum Tod von Prinzessin Diana.

Das alles führt dazu, dass die mediale Berichterstattung nicht „gerecht“ und auch nicht risikoadäquat ist. Ich will das weder beschönigen noch verteidigen. Aber da die menschliche Psyche nun mal so tickt, wird man in einer freien Presselandschaft diese Effekte immer haben.

Ist Corona das Asbest der 2020er?
Zurück zu Covid-19. Unlängst haben zwei Politiker mit folgenden Zitaten von sich reden gemacht:

Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. – Wolfgang Schäuble

Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären. – Boris Palmer

Was ist davon zu halten? Einerseits ist die erwartbare Empörung wohlfeil. Wenn der Schutz des Lebens wirklich allerhöchste Priorität hätte, müssten wir Autos, Flugzeuge und erst recht Motorräder verbieten, denn alle diese Dinge töten Menschen. Andererseits kommen die Äußerungen nicht von irgendwem und nicht zu einer zufälligen Zeit. Sie kommen von Politikern zu einer Zeit, in der das Leben von tausenden von Menschen in deren Händen liegt. Es ist ein bisschen so, wie wenn der Mafioso sagt „Dinge können kaputt gehen“. Rein sachlich betrachtet ist es natürlich so, dass die meisten Dinge irgendwann mal kaputt gehen, genauso wie wir nicht jeden Preis für ein Menschenleben zahlen können. Aber je nach dem wie, wann und von wem diese Sätze geäußert werden können sie eine bedrohliche Wirkung entfalten.

Wenn man in der Geschichte nach Risiken sucht, deren Gefährlichkeit in einem ähnlichen Graubereich wie Corona liegt, dann landet man schnell beim Thema Asbest. Ähnlich wie Corona tötet es nicht jeden sofort und wenn dann eher ältere Menschen. Mit etwas Phantasie kann man die Toten in der natürlichen Sterblichkeit verschwinden lassen. Es ist nicht offensichtlich, ob jemand wegen oder mit Asbest gestorben ist. Ein Asbest-Verbot bringt erhebliche wirtschaftliche Nachteile mit sich.

Es hat lange gedauert, bis die Politik bereit war, wegen „den paar Menschenleben“ die wirtschaftlichen Nachteile eines Asbestverbots in Kauf zu nehmen. Es war nicht so, dass man es nicht besser wusste. Bereits ab 1900 war die krebserregende Wirkung von Asbest bekannt. Man wollte die Menschen lange Zeit nicht retten, weil man ihrem Leben keinen besonderen Wert beigemessen hat. Erst 1993 wurde Asbest in Deutschland verboten. Noch 1978 schreibt der Asbestexperten Heinz Bohlig:

So schlimm für jeden Betroffenen eine Erkrankung, also auch eine Berufskrankheit ist, müssen wir uns vor Augen halten, daß bereits die ersten Menschen mit der Herstellung allererster Werkzeuge sich durch diese selbst gefährdet haben. Segen und Fluch jeder Neuerung liegen nahe beieinander. Die Menschheit arbeitet bereits seit der Steinzeit mit Asbest und ist bisher nicht ausgestorben, im Gegenteil, sie vermehrt sich rasch.

Der Spiegel

Das Argument „Wir sterben nicht aus, also ist es nicht schlimm“ hört man auch heute wieder öfter. Ich empfehle jedem, der wissen möchte, für wen der Staat sich entscheidet wenn Gefahr für Leib und Leben im Konflikt mit wirtschaftlichen Interessen steht, sich mit der Geschichte von Asbest zu befassen.

So wie es zur Zeit aussieht verursacht eine Covid-19-Infektion teilweise irreparable Schäden der Lunge, des Herzens und möglicherweise noch weiterer Organen. Wann diese Schäden zum Tod führen ist heute noch nicht absehbar, aber man muss wohl davon ausgehen, dass sie eine Auswirkung auf die Sterblichkeit haben. Es ist nicht unplausibel, dass wir in den nächsten Jahrzehnten ein ähnliches Sterbeaufkommen durch Corona wie bisher durch Asbest haben. Das wäre ein Problem, das man auch mit einem möglicherweise irgendwann gefundenen Impfstoff nicht heilen könnte. Man sollte das in der Debatte um Corona nicht ganz unter den Tisch fallen lassen.

* Ich werde mich hier nicht um die exakten Werte streiten. Es geht mir um eine grobe Einordnung nach der Größenordnung. Die genauen Zahlen sind in der Regel nicht ermittelbar.


Weblinks
Kugelschreiberterror, Der Spiegel
Warum uns Einzelschicksale mehr interessieren als Hunderte ertrunkene Flüchtlinge, Vice
Wir Ignoranten, Der Spiegel
Wir sind Terroregozentriker, Der Spiegel

Forscher aus Großbritannien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Menschen, die in Italien an den Folgen der Krankheit gestorben sind, im Schnitt mehr als zehn Jahre ihres Lebens verloren haben. Das ist sehr viel.

»Covid-19 tötet Menschen, die nicht so bald gestorben wären«, Spektrum, 28.04.2020

Vergleich der Anzahl von Todesopfern durch Covid-19 mit anderen Todesursachen ist irreführend, Correctiv

Ist ja nur das Leben, Der Spiegel

Neun Lebensjahre verloren, Tagesschau

Global Deaths Due to Various Causes and COVID-19

Ein Kommentar zu “Welchen Tod sollen wir fürchten?

  1. Summe verlorener Lebensjahre (statt Anzahl Toter) sind der bessere Indikator. Zeigt sich besonders deutlich beim Vergleich mit den Verkehrstoten.

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