Per Mertesacker

Per Mertesacker hat im Spiegel ein Interview gegeben, das auch im Zusammenhang mit diesem Blog interessant ist. Interessant, weil es nicht ganz so einfach in das übliche Schema passt, dass ich hier schon beschrieben habe. Es geht um das Thema „Gefühle Zeigen“ bei Männern. Er beschreibt die psychischen Probleme, die er während seiner Zeit als Profisportler hatte.

Die ersten Reaktionen darauf sind wenig überraschend. Im Wesentlichen der übliche Jammer-Vorwurf, den Männer immer hören, wenn sie sachlich von ihren Problemen berichten. RTL titelt „Mertesacker jammert über Druck“, im Sky-Interview wird seine Qualifikation als Nachwuchstrainer in Frage gestellt.

Doch dann dreht sich der Wind. SJWs kommen aus der Deckung und springen Mertesacker bei:

Auch typisch 🙂

Und auch RTL hat seine Meinung an den Zeitgeist adjustiert:

Wie kann das sein? Der weiße, heterosexuelle Mann ist doch eigentlich der Todfeind dieser Leute. In vergleichbaren Situationen vermelden die, dass sie in seinen Tränen gebadet haben. Ich vermute, dass wenn es darum geht, dass Ultraprivilegierte sich ihre Spitzenposition erjammern statt erarbeiten, die Vorteile eines Jobs haben wollen, ohne die Nachteile in Kauf zu nehmen, Verantwortung für die selbst getroffenen Entscheidung ablehnen und es Menschen mit entgegengesetzter Meinung gibt, die man dafür attackieren kann, dass das dann die üblichen Aktivismus-Reflexe triggert, selbst wenn es sich hier um einen WHM handelt. Über Scheidungsväter, die an den Unterhaltszahlungen an die Ex-Frau zerbrechen, habe ich jedenfalls schon länger nichts mehr im Spiegel gelesen. Und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die es nicht so viel leichter haben als der Fußball-Millionär.

Meine Meinung zum Mertesacker-Interview:

Das Interview ist grundsätzlich in Ordnung. Er hat sachlich beschrieben, wie er sich gefühlt hat, und warum er sich so verhalten hat. Dagegen ist nichts einzuwenden und das mindert auch nicht seine Qualifikation zum Trainer. Genauso verständlich ist es, dass andere auf das Bekenntnis zu seinen selbst verursachten Qualen irritiert reagieren. Und ebenfalls verständlich ist es, wenn einfache Menschen etwas ungehalten auf die Klagen eines Mannes, der unter anderem durch ihre GEZ-Gebühren zu großem Reichtum gekommen ist, reagieren. Des weiteren sind Leute, die nicht 100% meiner Meinung sind keine empathielosen Unmenschen, die sich löschen sollen und denen man mit Brandanschlägen droht.

Weniger Verständnis habe ich dafür, wenn sich jemand darüber beklagt, dass er die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidung tragen muss

Irgendwann realisierst du, dass es null mehr um Spass geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber.

Ja wer hätte das denken können, dass Spitzensportler bezahlt werden, um Leistung zu erbringen, und nicht um Spaß zu haben? Das ist aber auch gemein! Genauso gemein ist es übrigens, dass katholische Priester nicht heiraten dürfen und das Prostituierte mit hässlichen Männern schlafen müssen. Das konnte keiner vorher ahnen, da brauchen wir dringend einen Aktivismus, der etwas dagegen tut!!!11!

Auch kein Verständnis habe ich, wenn man sich gegen jegliche Kritik verwehrt.

Matthäus und Co. tun einiges dafür [dass die Welt sich nicht ändert], auch die „Bild“-Zeitung, die zum Beispiel an diesem Wochenende über die Spieler des Hamburger SV nach dem 0:6 bei Bayern München schreibt: „7 Mal die 6 für die HSV-Luschen“.

[Link]

Ja was hätten sie den schreiben sollen? „Piep piep piep, wir haben euch trotzdem lieb!“ vielleicht? Und wo soll das hinführen, wenn wir das auf andere Gebiete ausdehnen? Wenn ich mir ansehe, was Polikiker alles an Kritik einstecken müssen, kann ich mir gut vorstellen, dass da der eine oder andere mit Durchfall und Erbrechen reagiert. Auch linke Formate, wie z.B. die Heute Show, ziehen manchmal ganz schön vom Leder. Das ist für die Betroffenen nicht schön. Aber die Lösung kann doch nicht sein, dass wir Politiker und Sportler nicht mehr kritisieren dürfen. Die Lösung kann doch nur sein, dass die Betroffenen selbst entscheiden, ob sie diesem Druck gewachsen sind, und ggf. einen Job wählen, in dem sie nicht so in der Öffentlichkeit stehen.

Mitleid habe ich mit Mertesacker nicht, hat er glaube ich auch nicht verlangt. Ich freue mich für jeden, der sich zu jahrelangem Erbrechen und Durchfall entscheidet, wenn er damit glücklich wird. Er ist für mich kein Held, aber auch kein Versager. Das folgende Zitat beschreibt es ganz gut:


Weblinks:
„Am liebsten sitze ich auf der Bank, noch lieber auf der Tribüne“, Spiegel
Schauen Sie in den Spiegel, Herr Matthäus, Spiegel
Wer Mertesacker kritisiert, hat nichts verstanden, Yahoo
Matthäus hat einen Elfer verballert, Sport 1
Aufschrei nach Mertesacker-Interview – Nicht der Fußball, die Gesellschaft ist das Problem, RP Online

Loddar hat Recht, Rote Pille Blog
Und die Frage heißt “warum?”! | #Mertesacker, 91. Minute
Mertesacker-Geständnis: Profifußball hat aus der Tagödie Robert Enke noch immer nichts gelernt!, ruhrbarone

2 Kommentare zu “Per Mertesacker

  1. Der abschließende Kommentar, von Charlie Waffles, gefällt mir auch außerordentlich gut.
    Vor Allem auch deshalb, weil Er sich ebenfalls auf die ganze Weinstein und Wedel „Affäre“ anwenden lässt.
    Auch dort sind die Schauspielerinnen ja nicht in der Prime herausgekommen, als es Mut bedeutet hätte, sondern erst am Ende der Karriere.
    Manchmal macht es schon sehr stark den Eindruck, als wenn sich „abgehalfterte“ Stars mit solchen Sachen nochmal ins Rampenlicht zurück bringen wollen.

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