Globaler Rechtsrutsch

Es zwar nicht das eigentliche Thema dieses Blogs, aber doch eine wichtige Sache, die ich nicht unkommentiert lassen möchte: Rechte Parteien sind weltweit auf dem Vormarsch. Das politische Spektrum hat sich in einer Vielzahl von Staaten (z.B. in Deutschland, Österreich, Schweiz, Großbritannien, Ungarn, Polen, USA) so verschoben, wie wir es seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr kennen.

Was ist „rechts“?
Eine sinnvolle Definition sollte m.E. folgenden Anforderungen genügen:

  • Sie entspricht weitestgehend dem allgemeinen Sprachgebrauch
    Ausländerfeindliche Parteien sind rechts. Kommunisten und SJWs sind links.
  • Sie ergibt sich aus einer Art Faktoranalyse der politischen Standpunkte von Personen oder Parteien.
    Politische Standpunkte sind nicht unkorreliert. Wer ausländerfeindlich ist, hat meist auch etwas gegen Transsexuelle und moderne Kunst, obwohl diese Themen ja per se nicht zusammen hängen.
    Der Psychologe Hans Eysenck hat mittels einer Faktoranalyse die unabhängigen Faktoren Radikalität und „Tender-Mindedness“ extrahiert, aus denen sich alle politischen Einstellungen ableiten lassen sollen. Mir kommt dieses Ergebnis nicht sonderlich plausibel vor. Es hat sich auch in der Fachwelt nicht wirklich durchgesetzt.
    Ein m.E. besserer Ansatz kommt von Milton Rokeach. Er führt das politische Spektrum auf die Faktoren Freiheit und Gleichheit zurück.
    Freiheit bedeutet, dass der Staat seine eigenen Befugnisse auf ein Minimum beschränkt und möglichst viele Entscheidungen der Eigenverantwortung seiner Bürger überlässt.
    Gleichheit bedeutet, dass alle Menschen gleich sind oder seien sollten.[1] Da die Menschen aber in Wirklichkeit nicht alle gleich sind, wie durch unzählige Studien bewiesen wurde, haben gleichheitslastige Ideologien ein gewisses Realitätsproblem. Und in der Bewältigung dieser Probleme unterscheiden sich linke und rechte Parteien. Die Linken gehen von einer angeborenen Gleichheit aus und wollen alle sichtbaren Unterschiede durch staatlichen Zwang und Umerziehung nivellieren. Der Sozialkonstruktivismus ist ihre ideologische Grundlage. Die Rechten gehen von einer (übertriebenen) erblichen Unterschiedlichkeit der Menschen aus und wollen Gleichheit erreichen, in dem sie alle von einem Ideal abweichenden Menschen ausgrenzen oder ermorden. Sie berufen sich dabei auf eine missverstandene Evolutionsbiologie unter Anwendung des naturalistischen Fehlschlusses.
    Da Rechte und Linke das selbe[2] politische Ziel (Gleichheit) eint, ist es nicht verwunderlich, dass sie sich gelegentlich an den Methoden des jeweils anderen bedienen. Dies erklärt, warum rechts- und linksextreme Parteien miteinander mehr Gemeinsamkeiten haben als mit der demokratischen Mitte. Es löst auch einen Widerspruch in Rokeachs System auf. (Bei ihm ist rechts=frei und links=gleich und gleichzeitig rechts und links ähnlich.) [3]

    Politisches Spektrum

    Exemplarische Einordnung einiger politischer Parteien

    Es gibt m.E. einen weiteren wichtigen Faktor, den man nicht durch Gleichheit und Freiheit ausdrücken kann: Z.B. sehe ich nicht, warum die sonst so wirtschaftsliberale FDP nicht die Apotheker mit den Segnungen des freien Marktes beglückt hat. Oder warum die Feministinnen, die vorgeblich für Gleichberechtigung kämpfen, Gewalt gegen Männer ignorieren und verurteilte Falschbeschuldigerinnen unterstützen. Der Grund für diese Anomalien ist meist einfach: Egoismus.[4] Man hat sich eine Gruppe von Unterstützern aufgebaut und tut einfach immer das, was dieser Gruppe die meisten Vorteile verschafft. Demnach ist es auch nur konsequent, wenn Feministinnen eine Feministinnenquote (statt einer Frauenquote) fordern, denn damit können sie ihre erbeuteten Privilegien noch präziser auf ihre eigentliche Klientel zuschneiden.

    Ich persönlich halte Freiheit für ein deutlich wertvolleres Gut als Gleichheit (ohne jedoch eine zu dogmatische Freiheitsliebe[5] zu unterstützen). Das folgende Zitat beschreibt sehr schön, was ich mir als Grundlage einer erstrebenswerten Gesellschaftsordnung vorstelle:

    Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden und man sollte sich nicht wundern, wenn es Häufungen gibt ohne damit die Ausnahmen einzuengen und einen Konformitätszwang einzufordern.
    Alles Evolution

Was ist die Ursache?

  • Das (soziale) Internet
    Neue Medien haben auch in der Vergangenheit für gesellschaftlichen Wandel gesorgt. Es ist sicher kein Zufall, dass die Reformation mit der Erfindung des Buchdrucks zusammenfiel. Und es ist nicht verwunderlich, dass die Erfindung des Internets gewisse politische Verwerfungen mit sich bringt.

    Trumps Sieg ist auf sozialen Medien aufgebaut. Es ist Unfug, hier von „Schuld“ zu sprechen. Erst recht nicht in monokausaler Weise. Aber ohne Twitter, ohne Facebook, ohne Blogs wäre Trumps Sieg kaum denkbar gewesen.
    Sascha Lobo

    Die kombinierte Macht der Medien ist komplett verpufft. Ich schließe daraus, dass die gar keine Macht haben. Dass die sozialen Medien und Filterblasen inzwischen mächtiger sind als die alten Medien. Das ist ein sehr beunruhigender Gedanke für mich.
    Fefe

    I think that social media has more power than the money [Clinton’s campaign team] spent, and I think maybe to a certain extent, I proved that
    Donald Trump

  • Politische Korrektheit
    Ein häufig zu lesendes Argument ist, dass der Rechtsrutsch aus einem Abwehrbedürfnis gegen eine als überbordendend empfundene Political-Correctness-Pflicht enstanden ist. Das Gegenkonzept dazu lautet „Real Talk“ und meint, dass man die Realität unumwunden darstellt, ohne auf dadurch möglicherweise verletzte Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.

    Wenn Männer im privaten Gespräch untereinander einer Frau „tolle Beine“ bescheinigen, ist das für Spiegel-Online bereits „sexistisches Gepöbel“. Es ist genau diese gouvernantenhafte Spießigkeit einer bestimmten rotgrünen Szene, die zahllose Normalbürger unter den Wählern nicht mehr nachvollziehen können und die den Erfolg eines Primitivlings wie Trump als Trotzreaktion überhaupt erst möglich gemacht hat.
    Genderama

    Es gibt glaubwürdige Einschätzungen, dass etwa der Aufstieg von Donald Trump eine Art Backlash ist gegen das Gefühl, nicht mehr sagen zu dürfen, was man denkt.
    Sascha Lobo

    Während sich die Generation „problemfreie Ultraprivilegierte“ mit gendergerechter Sprache beschäftigt haben, ist da ein Abgrund voll Hass und Verachtung entstanden.
    Fefe

    Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben
    Winfried Kretschmann

    Wenn es einen Moment gibt, an dem die neue soziale Bewegung ihren Ausgang nahm, deren sichtbarster Ausdruck die AfD ist, dann in der Brüderle-Affäre. Hier liegt die Geburtsstunde des Rechtsrucks.
    Jan Fleischhauer

    The initial appeal of Donald Trump was that he served as a long-awaited contrast to the infantilization and absurd demands for political correctness and „safe spaces“ sweeping our society.
    National Review

    Political correctness has morphed into a moral purity that may feel exhilarating but isn’t remotely tactical. It’s a handmaiden to smugness and sanctimony, undermining its own goals.
    New York Times

    Has Political Correctness Gone off the Rails in America?, Der Spiegel
    (sehr lesenswerter Artikel)

    Ich halte dieses Argument für hoch valide. Es erklärt übrigens auch andere gesellschaftliche Phänomene, z.B. den enormen kommerziellen Erfolg von Mario Bart.

    Und es ist ja durchaus nachvollziehbar, dass Menschen in einer Welt voller privilegierter, verzogener Gender-Bratzen, die nichts können außer mit absurden Sprechverboten die arbeitende Bevölkerung zu malträtieren, und die nach einer verlorenen Wahl erst mal in die Mal- und Knettherapie müssen, das Bedürfnis haben, diesen einen kleinen Realitätsschock zu verpassen. Aber Rechtspopulismus kann doch nicht die Antwort darauf sein!

    Und natürlich sollte das bemühen um eine realitätsnähere Sprache nie in plumpen Pöbeleien ausarten. Wenn Öttinger Chinesen als Schlitzaugen, die Alt-Right-Bewegung Dunkelhäutige als „Shitskins“ oder Simon Hurz alias Werner Stahl Frauen als „Geschlitzte“ bezeichnet, dann ist das nur noch widerwärtig beleidigend und hat mit „Real Talk“ nichts zu tun.

    (Einen schönen Artikel zur Abgrenzung von linker Politikal-Correctness-Gängelung und rechtem Provozieren-mit-Beleidigungen findet man bei Erzaehlmirnix: AfD-Logik überwinden)

  • Das subjektive Migrationsvolumen
    In den letzten Jahren gab es ein Migrationsaufkommen, das die meisten Menschen in diesem Umfang ihr ganzes Leben lang noch nicht gesehen haben. Außerdem ist die Frequenz islamistisch-terroristischer Angriffe in der westlichen Welt deutlich gestiegen, und es kam zu Straftaten, die mit der Migrationsthematik assoziiert werden. („Köln“)
    Man mag dazu stehen, wie man will, muss aber wohl anerkennen, dass es etwas ist, wovor viele Menschen Angst haben. So viel Angst, dass sie bereit sind, ihre Demokratie aufs Spiel zu setzen, nur um den Ansturm dieser Menschen abzuwehren.

    Ein häufig geäußertes Gegenargument gegen die Migrationsthese ist, dass Fremdenfeindlichkeit vor allem in Gebieten mit besonders geringem Ausländeranteil vorkommt. Nach dem Wahlsieg Trumps in den USA, eines der multikulturellsten Länder der Erde, kann ich diesem Argument nicht mehr so recht glauben. Und selbst wenn es stimmt, könnte die Migration immer noch einen temporären Rechtsrutsch verursachen – so lange, bis der Migrantenanteil in der Bevölkerung hoch genug ist, um rechte Wahlerfolge zu verhindern.

  • People, countries, want their own identity and the UK wanted its own identity. But I do believe this: if they hadn’t been forced to take in all of the refugees, so many, with all the problems that it … entails, I think that you wouldn’t have a Brexit.
    Donald Trump

Weitere Argumente, die jedoch nicht auf das „warum gerade jetzt“ eingehen:

  • postfaktisches Zeitalter
    Was den Rechten die Lügenpresse ist, ist den Linken das postfaktische Zeitalter: Eine Pauschalkritik am politischen Gegner, die einem Auseinandersetzen mit Einzelargumenten ausweicht. Eine m.E. sinnvolle Einschätzng hat Alois Theisen in den Tagesthemen vom 10.11.2016 geäußert

    Leben wir tatsächlich im Zeitalter der Lüge, wie man den vornehmer klingenden Begriff des Postfaktischen übersetzen könnte? Ich denke, es ist nur der hilflose und untaugliche Versuch, die sich häufenden unerwarteten Wahlentscheidungen zu erklären. Warum sollten sich Wähler heute leichter belügen lassen als früher? Verfügen wir nicht über mehr Informationsquellen als jeh zuvor? Und noch nie wurden Aussagen von Politikern so häufig und von verschiedenen Seiten überprüft wie heute. Nein, Lügen gab es in der Politik wie im Privaten zu allen Zeiten. Wer anderes behauptet, verklärt nur die angeblich gute alte Zeit. Wer den Wahlsieg von Donald Trump, das Votum der Briten für den Brexit und die Erfolge der AfD in Deutschland mit gutgläubiger Dummheit oder Borniertheit der Wähler gegenüber Fakten erklärt, der beweist für mich nur eines: Eine unerträgliche Arroganz gegenüber dem Souverän im Staate, dem Volk, und damit auch gegenüber den Wählern und deren Vernunft. […] Das Zeitalter des Postfaktischen, es ist eine weitere hilflose Formel, hinter der sich nur eines verbirgt: Viele schlaue Welterklärer verstehen die Welt nicht mehr.
    Tagesthemen, Alois Theisen

    Eine Ergänzung dazu: Ja, es gibt Menschen, die durch Fakten nicht mehr überzeugt werden können. Aber dass sind maximal 5%, niemals 50% der Wählerschaft eines Staates.

    Letztlich ist die Postfaktizitätslehre nur eine Spielart der Shaming-Strategie (siehe unten). Man möchte dem Wähler sagen: „Ihr seid die doofen Postfaktischen, und wir der Hort der richtigen Wahrheit.“

  • Rechte Akteure

    Liebe Leser, können wir uns bitte an dieser Stelle alle von der Idee trennen, der jetzt aufkeimende Rassismus in den USA sei Trumps Schuld? Oder der aufkeimende Rassismus in UK sei Schuld des Brexit? Trump ist vielleicht Schuld daran, dass wir das jetzt so deutlich sehen können.
    Fefe

    Die AfD sei damit nicht die Ursache dieses Populismus, sie habe ihn nur sichtbar gemacht, so die Meinungsforscher von Allensbach.
    Die Welt

  • Verwirrte Linke
    Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Deshalb gibt es auch immer mehr Menschen, die eine linke Politik befürworten. Aber dummerweise rutscht diesen Menschen in der Wahlkabine der Stift so ungünstig aus der Hand, dass das Kreuz bei einer rechten Partei landet.

    Ökonomische und soziale Ungleichheiten sind schließlich häufig der eigentliche Grund, wieso Populisten gewählt werden.
    bento

    Helfen gegen Populismus würden z.B. mehr Verteilungsgerechtigkeit und weniger Steuerschlupflöcher.
    Oliver Welke, Heute Show 18.11.2016

    Wenn es nur um die Wut auf die Reichen ginge, bräuchte es die AfD nicht. Die Partei, die dieses Ressentiment bedient, gibt es in Deutschland bereits.
    Jan Fleischhauer, Der Spiegel

  • Qualität der demokratischen Alternative

    Der Grund für Trumps Sieg ist also keineswegs, dass er besonders viele Menschen auf besondere Weise begeistert und mobilisiert hätte – sondern dass die demokratische Kandidatin und ihre Partei auf eine wohl historische Weise versagt haben. Kurz: Nicht Trump hat die Wahl gewonnen, sondern Clinton hat sie verloren.
    man tau

    He won the state not because he out­performed his predecessor but because Clinton under­performed hers.
    Washington Post

    And then she loses it, and loses the election and locks herself in her hotel because she was too upset, or because it never occurred to them to write a concession speech. Either way, grow up! I have no sympathy for her, whatsoever. Be a better candidate!
    Jonathan Pie, President Trump: How & Why… (via)

  • Frauenfeindlichkeit

    Trump scheint die Wahl zu gewinnen, weil „Männer Frauen hassen“
    Alles Evolution

  • Feminismus

    Ich persönlich halte den Feminismus/Genderismus für einen zentralen Grund, warum man gegen das „Establishment” gewählt hat. Kurioserweise taucht das Thema in der deutschen Presse als Ursache gar nicht auf.
    Hadmut Danisch

Was ist so schlimm am Rechtsrutsch?
Extreme Parteien (von links und rechts) führen häufig in eine humanitäre Katastrophe, wenn sie denn mal an die Macht kommen.

Aber auch wenn es nicht gleich zum Massenmord kommt, sind erhebliche Einschränkungen von Demokratie und Meinungsfreiheit häufige Begleiterscheinungen. Meine größte Sorge bei Trump ist, dass er eine „lupenreine Demokratie“ nach dem Vorbild Putins istalliert. Er hat ja bereits vor der Wahl angekündigt, sich nicht durch das Wählervotum von seinem Weg ins Weiße Haus abbringen lassen möchte. Warum sollte er sich also durch ein Wählervotum da wieder herausholen lassen?

Aber auch wenn Trump einfach nur vier Jahre im Amt bleibt, wird sein hartes Fokussieren auf nationale Interessen der Welt schweren Schaden zufügen. Unser Wohlstand und unsere Freiheit und der bislang 70-jährige Frieden in der westlichen Welt beruhen unter anderem darauf, dass Nationalstaaten auf einen Teil ihrer Souveränität verzichten. Das zurückzudrehen wäre ein Desaster.

Kampf gegen rechts
In Politik und Medien gibt es keinen Mangel an Menschen, die sich dem Kampf gegen rechts verpflichtet fühlen. Da trotzdem rechte Wahlerfolge wie Pilze aus dem Boden schießen, scheinen die verwendeten Methoden nicht ganz ideal zu sein. Hier ein kurzer Überblick über die beliebtesten Werkzeuge im Kampf gegen rechts:

  • Sozialer Druck, Beschämung und Diskreditierung („shaming“)
    Der politische Gegner wird (häufig schon bei kleinsten Abweichungen von der eigenen Position) als Nazi, dumm, frustriert, erbärmlich, … dargestellt. Eine Methode, die im Zeitalter des sozialen Internets stark an Wirksamkeit verlohren hat, denn man ist den Schmähungen nicht mehr so direkt ausgesetzt und kann leichter mit Gleichgesinnten kooperieren.

    Leute als Rassisten/Sexisten zu bezeichnen hilft nicht gegen Rassismus/Sexismus
    Alles Evolution

  • Kommunikationskanäle austrocknen („silencing“)
    Vor der Erfindung des sozialen Internets war es nicht so einfach, Informationen zu verbreiten, die der Mainstream misbilligte. Man war meist gezwungen in einem unbedeutendem Spezialblatt für ähnlich gesinnte Menschen zu veröffentlichen. Heute kann jeder, der einen Computer oder ein Handy besitzt, seine wie auch immer geartete Meinung ins Netz schreiben. Die alten Publikationshürden für rechtes Gedankengut greifen nicht mehr. Freilich sind die traditionellen Medien genauso links wie eh und jeh. Und selbstverständlich bilden diese immer noch die einzige Informationsquelle für die Mehrheit der Menschen. Aber eine signifikante Minderheit informiert sichüber alternative Quellen.
    Als Journalist muss man sich heute damit abfinden, dass man keine Informationen mehr vor dem Leser verbergen kann. Keine Straftaten von Ausländern, keine Kosten der Zuwanderung, keine Skandale aus dem eigenen politischen Lager, keine zu erwartenden rechten Wahlerfolge. Alles, was man dem Leser vorenthält, wird er sich auf anderem Wege holen. Das einzige, was man so erreicht ist eine Untergrabung der eigenen Glaubwürdigkeit.
  • Radikalisieren
    Die Strategie „Vernichtung durch Radikalisierung“ funktioniert wie folgt: Man nehme eine Partei rechts der Mitte und stelle sie immer einen Tick rechter dar, als sie eigentlich ist. Mit der Zeit werden immer mehr Gemäßigte die Partei verlassen und immer mehr Radikale ihr beitreten, so dass die Partei kontinuierlich immer weiter nach rechts rutscht, bis sie irgendwann für fast niemanden mehr wählbar ist.
    Lehrbuchbeispiel für dieses Konzept ist die Wandlung der AfD von der Euro-Kritikerin zur Flüchtlingshasserin. Aber auch im US-Wahlkampf 2016 kann man deutliche Radikalisierungsbestrebungen der Republikaner seitens der Demokraten erkennen.
  • Schmutzkampagne
    Das Paradebeispiel hierfür ist natürlich der US-Wahlkampf 2016. Und ein wunderbares Studienobjekt, um seinen Skandalwirkungsdetektor zu rekalibrieren. Also ich hätte ja nicht gedacht, dass das Pussy-Grab-Video eine solche Wirkung entfaltet. Nach all den Skandalen, die Trump bereits gebracht hatte. Dass Clinton irgendwann eine Batterie Falschbeschuldigerinnen abfeuern würde, hatte ich hingegen erwartet wie das Amen in der Kirche. Ob Clinton wohl damit gerechnet hat, dass Trump mit der gleichen Waffe zurückschießen würde? Wir werden es nie erfahren …

    Die andere Lektion aus diesem Wahlkampf ist, dass Schmutz Werfen keine siegreiche Strategie ist. Das ist wichtig, weil das unsere aktuelle Strategie gegen die AfD ist. Wenn das für Hillary gegen Trump nicht gereicht hat, wird es auch hier gegen die AfD nicht reichen.
    Fefe

  • Argumente
    Um Gottes Willen! Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Da will der Wähler doch nur noch beschimpft werden.

    When will we learn that the key is discussion? If you’re unwilling to discuss then you’re creating the conditions in which Donald Trump and people like him can thrive. […] The only thing that works is fucking bothering, doing something, and all you have to do is engage in the debate. Talk to people who think differently to you and persuade them of your argument. It’s so easy, and the left have lost the art.
    Jonathan Pie, President Trump: How & Why… (via)

  • Ein schwarzer Pianist entmachtet den Ku Klux Klan

    „Kelly und ich haben uns über die Jahre immer wieder hingesetzt und uns ausgetauscht. Der Mörtel, der sein Weltbild betonierte, begann zu bröckeln. Dann zu zerbrechen. Und dann fiel es ganz in sich zusammen.“

    „Ich habe die Roben und Hauben von mehr als zwei Dutzend Menschen in meinem Schrank, die ihre Ansichten geändert haben, weil ich mich mit ihnen an einen Tisch gesetzt habe. Und, was machen Sie? Wie viele Roben haben Sie gesammelt?“ Das lässt die meisten Kritiker verstummen.

    SZ Magazin (via)

[1] Häufig wird darunter verstanden, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Aber diese Forderung ergibt sich bereits aus dem Freiheitskriterium.
[2] genau genommen streben Rechte eine homogene Gleichheit mit möglichst wenig Abweichungen von einer idealiserten Volksgemeinschaft und (moderne) Linke eine heterogene Gleichheit, bei der Abweichungen von der Norm erlaubt oder erwünscht sind, dann aber in allen gesellschaftlichen Strukturen im gleichen Verhältnis vertreten sein müssen.
homogen heterogen gleich ungleich
[3] Weitere Ansätze zur Klassifikation politischer Standpunkte:

  • Der „politische Kompass“ differenziert das Freiheitskriterium weiter nach wirtschaftlicher Freiheit (links=unfrei, rechts=frei) und sozialer Freiheit (autoritär=unfrei, liberal=frei).
  • Das „politische Wertedreieck“ fügt den Faktoren Freiheit und Gleichheit noch den dritten Faktor Konservatismus hinzu. Ich halte von der Idee, politische Werte relativ zum aktuellen Ist-Zustand zu definieren nicht viel. (Z.B., weil jeder, der nicht vollkommen Schizophren ist, demnach durch das erreichen seiner politischen Ziele automatisch zum Konservativen wird.)

[4] Im polischen Betrieb wird das Egoismus-Spektrum durch die Begriffe Populismus – Realpolitik – Idealismus – Fundamentalismus charakterisiert.
[5] Das Recht auf Waffenbesitz für Privatpersonen oder die gänzliche Abschaffung des Sozialstaats sehe ich als ein zu viel an Freiheit an. Eine liberale Wirtschaftspolitik, Freihandel, Gleichstellungspolitik ohne Quoten und „Affirmative Action“ ist m.E. im Interesse aller Bürger.

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5 Kommentare zu “Globaler Rechtsrutsch

  1. Meiner Meinung nach hat das sehr viel mit der durch den Neoliberalismus steigenden ökonomischen Unsicherheit zu tun. Die Menschen haben Angst ihren Status zu verlieren oder haben diesen bereits verloren weil sie im Niedriglohnsektor gefangen sind.

    Extremismus ist nun eine Form des Interessenschutzes, der Niedriglöhner will sich halt durch geschlossene Grenzen vor der Arbeitskonkurrenz durch Migranten und Importe schützen. So ein Protektionismus führt dann natürlich auch zu wirtschaftlichen Konflikten mit anderen Ländern die dann u.a eine militärische Aufrüstung nach sich ziehen.

    Im Grunde wird im Faschismus von den Massen Sicherheit angestrebt indem man sich von anderen massiv abgrenzt und diese aus der Gesellschaft ausschließt. Das kann dann von Trumps Plänen Millionen verarmte Migranten in ihre Heimatländer zu deportieren reichen bis hin zum KZ. Die Faschisten wollen ökonomische Sicherheit für ihr Leben schaffen indem sie Gruppen welche vermeintlich mit ihnen in Konkurrenz stehen „ausschalten“.

    So, aber woher kommt nun dieses Bedürfniss nach Sicherheit bei den Massen ? Ich denke das kommt vom Neoliberalen Kapitalismus welcher immer mehr gescheiterte Existenzen hinterlässt. Aber auch vom Technischen Fortschritt welcher dafür sorgt das es immer weniger Arbeitsplätze in der Industrie gibt, immer weniger Sicherheit auf dem Job Markt vor allem für unqualifizierte. Vor 50 Jahren hat auch jemand unqualifiziertes noch einen Job in der Fabrik gefunden von dem man eine Familie ernähren konnte, heute ist Hartz4 angesagt.

    Deutschland steht da ja wegen dem Export Überschuss noch recht gut da, aber man sehe sich da ja nur mal an wie es z.B. in den Französischen Banlieus oder den US Amerikanischen Trailerparks usw läuft.
    Millionen Menschen leben am ökonomischen Abgrund, ohne jede Sicherheit und die korrupten Systemparteien tun nichts, aber auch wirklich gar nichts für diese Menschen und das schon seit vielen Jahren. Ist doch logisch das die dann irgendwannmal anfangen extremistisch zu werden.

  2. Sehr gute Analyse der politischen Situation derzeit… Traurig aber wahr.

    Sag mal, schreibst du eigentlich mal wieder was zum ursprünglichen Thema dieses Blogs ? Würde mich sehr freuen.

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