Flirten lernen mit Goethe

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Johann Wolfgang von Goethe

Goethe, der alte Schwerenöter, hatte bekanntlich den Bogen raus bei den Frauen. Und er hat den wohl ersten Pick-up-Ratgeber für ABs geschrieben: Faust I. Leider haben die Germanisten des Pudels Kern bislang noch nicht so richtig auf dem Schirm. Lass mich dir die Handlung dieses putzigen Romans in moderner Sprache zusammenfassen:

Faust ist ein typischer AB. Verkopft, depressiv, suizidal:

Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält

Dafür ist mir auch alle Freud entrissen

O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letzenmal auf meine Pein,

Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht einen Wunsch erfüllen wird, nicht einen

Und so ist mir das Dasein eine Last,
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.

Er ist ein Mensch, der

weit entfernt von allem Schein,
Nur in der Wesen Tiefe trachtet.

Er ist ein Mann mittleren Alters:

Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

Er hat Selbstwertprobleme und kommt verklemmt rüber:

Allein bei meinem langen Bart
Fehlt mir die leichte Lebensart.
Es wird mir der Versuch nicht glücken;
Ich wußte nie mich in die Welt zu schicken.
Vor andern fühl ich mich so klein;
Ich werde stets verlegen sein.

Seine Gedanken kreisen um typische AB-Themen. Z.B. den Wunsch, sein Leben gegen eine einzige Liebesnacht einzutauschen:

O selig der, dem er im Siegesglanze
Die blut’gen Lorbeern um die Schläfe windet,
Den er, nach rasch durchrastem Tanze,
In eines Mädchens Armen findet!
O wär ich vor des hohen Geistes Kraft
Entzückt, entseelt dahin gesunken!

Er trifft auf Mephistopheles, mit dem er einen Ent-AB-sierungs-Pakt schließt. Beachte, wie eng hier das Finden einer Partnerin an die Annäherung an das Böse geknüpft ist! Das Diabolische ist das Tor zur sexuellen Erlösung!

Mephistopheles regt eine Reihe von Entwicklungsschritten bei Faust an.

Er rät zu mehr Selbstvertrauen:

Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.

Er rät dazu, sich weniger Gedanken zu machen und mehr im „Hier und Jetzt“ zu leben:

Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.

Er versucht, Fausts Depressionen zu bekämpfen und ihn unter Leute zu bringen:

Hör auf, mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt;
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen,
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.

Er rät ihm zu einem extravagentem Kleidungsstil (Peacocking):

In rotem, goldverbrämtem Kleide,
Das Mäntelchen von starrer Seide,
Die Hahnenfeder auf dem Hut,
Mit einem langen, spitzen Degen,
Und rate nun dir, kurz und gut,
Dergleichen gleichfalls anzulegen;
Damit du, losgebunden, frei,
Erfahrest, was das Leben sei.

Faust zeigt die für ABs typische Beratsungsresistenz:

In jedem Kleide werd ich wohl die Pein
Des engen Erdelebens fühlen.

Mir widersteht das tolle Zauberwesen!
Versprichst du mir, ich soll genesen
In diesem Wust von Raserei?

Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen

Warum denn just das alte Weib!

Er lässt sich letztendlich aber doch auf die Ratschläge ein.

Mephistopheles geht mit Faust in Auerbachs Keller und zeigt ihm, wie man als Fremder auf Menschen zugeht:

Ist es erlaubt, uns auch zu euch zu setzen?
Statt eines guten Trunks, den man nicht haben kann
Soll die Gesellschaft uns ergetzen.

Er zeigt ihm, wie man Menschen unterhält (z.B. mit Zaubertricks, einem klassischen Verführungswerkzeug). Er führt das Gespräch und wird somit schnell zum Alpha-Mann der Gruppe:

MEPHISTOPHELES:
Wenn ich nicht irrte, hörten wir
Geübte Stimmen Chorus singen?
Gewiß, Gesang muß trefflich hier
Von dieser Wölbung widerklingen!
FROSCH:
Seid Ihr wohrgar ein Virtuos?
MEPHISTOPHELES:
O nein! die Kraft ist schwach, allein die Lust ist groß.
ALTMAYER:
Gebt uns ein Lied!
MEPHISTOPHELES:
Wenn ihr begehrt, die Menge.

Mephistopheles lässt Faust einen Zaubertrank trinken, der sein Anspruchsniveau auf null absinken lässt:

Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.

Faust lernt seine Margarete durch Anquatschen auf der Straße (klassisches Street Game) kennen:

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

Margarete reagiert darauf mit einem Shittest*:

Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause gehn.

Faust lässt nicht locker und kriegt sie schließlich doch noch rum.

* Pick-up-Jargon für feindseliges Verhalten, mit dem Frauen Männer testen.

 


Literatur:
Faust. Eine Tragödie., Johann Wolfgang von Goethe
Die klassische Anmache: Tipps und Tricks aus der Weltliteratur, Bernhard Fritz
Kommentierte Auszüge daraus:

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ Auch der halsstarrigste Goethe-Verehrer wird einräumen müssen, dass dieser Einfall nicht das ist, was man gemeinhin „das Gelbe“ nennt. Sondern uns eher lehrt, wie es nicht geht.

Und selbst der verbohrteste Goethe-Hasser wird – sofern er sich auch nur ein bisschen mit Verführung auskennt – einräumen müssen, dass das so verkehrt nicht ist. Ein Opener muss (bzw. sollte) keine philosophischen Weißheiten enthalten, die man nach Tage langem grübeln erschlossen hat. Er ist einfach eine kleine, spontane Bemerkung, die zu einem Gespräch führt. Und diese Anforderung hat der Satz zweifelsfrei erfüllt.

Die Abfuhr folgt denn auch auf dem Fuße: „Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das ist keine Abfuhr, das ist ein Shittest. (Und noch dazu ein ganz harmloser.) Übersetzt aus dem Frauischen: Nach all den Weicheiern endlich mal ein Mann, der mich anspricht. Ich bin spitz wie Nachbars Lumpi. Aber bevor ich die Beine breit mache, will ich dir doch noch mal etwas auf den Zahn fühlen…

Der schlimme Fehler geht aus der Bühnenanweisung hervor: Sie macht sich los und ab. Er hat sie also auch noch gleich angefasst! Ihh!

Er hat genau das Richtige getan, so wie es im Pick-up gelehrt („Kino“) und wie es auch von der Wissenschsft bestätigt wird.

Erfolgsprognose: null

Warum schreibt Bernd Fritz über ein Buch, das er nicht zu Ende gelesen hat? Am Ende haben sie doch Sex! Also: Erfolgsprognose 100%.

Weblinks:
So funktioniert die klassische Anmache heute noch, Die Welt
Flirten wie Faust?, Fliegende Goethe-Blätter

Flirten wie Goethe, Facebook

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